Nahostkonflikt

Nah|ọst|kon|flikt 〈m. 1; Pol.; seit 1947〉 zu militärischen Streitigkeiten führender Konflikt zw. Israel u. den arabischen Nachbarländern um das Gebiet Palästinas

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Nah|ọst|kon|flikt, der (Politik):
im Nahen Osten ausgetragener Konflikt zwischen Israel und den arabischen Staaten.

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Nah|ostkonflikt,
 
im Nahen Osten der Konflikt zwischen Israel und den arabischen Staaten sowie der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) mit seinen regionalen und weltpolitischen Interessenverflechtungen; entstand mit dem Rückzug Großbritanniens aus Palästina (Erlöschen des Mandats am 15. 5. 1948) aus dem Konflikt zwischen der jüdisch-zionistischen und palästinensisch-arabischen Nationalbewegung um die Gründung eines jeweils eigenen Nationalstaates auf dem Boden des früheren britischen Mandatsgebietes Palästina unter Ausschluss der jeweils anderen Volksgruppe (Proklamation des Staates Israel am 14. 5. 1948). Die Wurzeln der Palästinafrage reichen bis Ende des 19. Jahrhunderts zurück.
 
 Entstehung und Verlauf bis um 1990
 
Vorgeschichte (1882-1914):
 
In Palästina, das seit 1516 zum Osmanischen Reich gehörte, lebten zu Beginn der zionistisch motivierten jüdischen Zuwanderung etwa 430 000 Araber und 25 000 Juden. Die 1882 beginnende erste jüdische Einwanderungswelle (»1. Alijah«) wurde durch die antijüdischen Verfolgungen (Pogrome) in Russisch-Polen, Weißrussland und der Ukraine nach der Ermordung von Zar Alexander II. (1881) ausgelöst. Bei der Gründung der Zionistischen Weltorganisation (1897; Zionismus) wurde vom 1. Zionistischen Weltkongress die Schaffung einer »öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte« für das jüdische Volk in Palästina beschlossen. Im Zuge der »2. Alijah« (ab 1905) wanderten etwa 55 000 russische Juden dorthin aus. Bis 1914 wuchs dort die jüdische Bevölkerung auf 85 000, die ansässige arabisch-palästinensische Bevölkerung auf 600 000. Der Einwanderungsdruck führte zu ersten blutigen Konflikten zwischen Juden und Arabern.
 
Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gründung des Staates Israel (1914-48):
 
Im Ersten Weltkrieg Gegner des Osmanischen Reiches, suchte Großbritannien das türkische Erbe im Nahen Osten anzutreten. Die britische Regierung versprach das Gebiet Palästina sowohl der arabischen Nationalbewegung (Brief vom 24. 10. 1915, verfasst von Sir Henry McMahon, * 1862, ✝ 1949; Oberkommissar-Resident in Ägypten) als auch der zionistischen Bewegung (Balfour-Deklaration vom 2. 11. 1917), wobei jedoch nur die Gründung einer »Heimstätte« für das jüdische Volk in Palästina, nicht ein jüdischer Staat zugesichert wurde. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches (Oktober 1918) proklamierten Großbritannien und Frankreich am 7. 11. 1918 das Selbstbestimmungsrecht für alle Völker des Nahen Ostens. Zugleich teilten sie aber auf der Grundlage des Sykes-Picot-Abkommens (1916) und der Einigung auf der Konferenz von San Remo (19.-26. 4. 1920; in Kraft seit dem Frieden von Lausanne, 24. 7. 1923) weite Gebiete des Nahen Ostens mit Billigung des Völkerbundes (24. 7. 1922) unter sich auf. Damit gerieten die einander widersprechenden, teilweise sogar sich gegenseitig ausschließenden Programme für die politische Geographie des Nahen Ostens miteinander in Konflikt, obwohl am 3. 1. 1919 Emir Feisal für die Haschimiten-Dynastie und C. Weizmann für die zionistische Bewegung ein Abkommen geschlossen hatten, in dem die in ihrem künftigen Ausmaß nicht vorhergesehene und nicht vorhersehbare jüdische Einwanderung nach Palästina von den Arabern begrüßt und Zusammenarbeit vereinbart worden war. Palästina wurde britisches Mandat (in Kraft seit 29. 9. 1923). Bereits auf der Konferenz von Kairo im März 1921 übertrug Großbritannien den Teil des Palästinamandats, der das Ostjordanland betraf, unter dem Namen »Transjordanien« dem Emir Abd Allah Ibn al-Husain als Herrschaftsgebiet (am 25. 3. 1923 zum Emirat erklärt); beide Teile Palästinas, d. h. der westlich und der östlich des Jordan gelegene, bildeten jedoch weiterhin das britische Mandat Palästina. Die Extremisten sowohl der palästinensisch-arabischen als auch der zionistisch-jüdischen Nationalbewegung betrachten noch heute diese Aufgliederung des Mandats als »erste Teilung« Palästinas; Transjordanien (d. h. das heutige Jordanien) ist für sie nach wie vor Teil Palästinas.
 
Die Zahl jüdischer Einwanderer stieg nach dem Ersten Weltkrieg deutlich an. Dabei kamen mit der dritten Welle (1921-23) etwa 35 000 Menschen vorwiegend aus Polen und Sowjetrussland, mit der vierten Welle (1924-31) etwa 100 000 weitere Zuwanderer aus denselben Ländern und erst mit der fünften Welle (1932-38) etwa 200 000 Flüchtlinge aufgrund der nationalsozialistischen Judenverfolgung (Holocaust). Die Einwanderungsschübe und die sich daraus ergebenden Siedlungsprobleme führten besonders im April 1920, im Mai 1921 und im August 1929 zu blutigen Übergriffen von Palästinensern auf die jüdische Bevölkerung Palästinas; Höhepunkt dieser Entwicklung zwischen den Weltkriegen war der »arabische Aufstand« (1936-39), in dessen Verlauf etwa 2 850 Araber, 1 200 Juden und 700 Briten getötet wurden. Der Aufstand richtete sich v. a. gegen die britische Mandatsregierung, der die Aufständischen eine prozionistische Politik vorwarfen: Großbritannien hatte beiden Bevölkerungsgruppen vorgeschlagen, jeweils eigene Selbstverwaltungsorgane aufzubauen. Die palästinensisch-arabische Nationalbewegung verwarf dieses Modell, die zionistische Bewegung (jüdisches Nationalkomitee) nahm es als »Notlösung« an und baute politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und (zunächst geheime) militärische Strukturen auf (u. a. Haganah, Irgun Zwai Leumi, Jewish Agency); sie wurden zu Grundlagen des späteren Staates Israel. Unter Führung des Großmuftis von Jerusalem, Mohammed Said Amin al-Husaini, suchte die palästinensisch-arabische Nationalbewegung ihre Ziele durch Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Deutschland zu erreichen. Im Zweiten Weltkrieg kämpften die Zionisten auf alliierter Seite. Während die sozialdemokratisch orientierten Mehrheitszionisten im Hinblick auf eine zu schaffende jüdische Staatlichkeit seit 1942 zunehmend auf die USA setzten (»Biltmore-Programm«), suchten die extrem nationalistischen Minderheitszionisten (unter M. Begin) den bewaffneten Kampf sowohl gegen die britische Mandatsregierung als auch gegen die Palästinenser. 1946 endete das britische Mandat über Transjordanien, in dem am 2. 6. 1946 das Haschemitische Königreich Transjordanien ausgerufen wurde. Daraufhin drängte der amerikanische Präsident H. S. Truman die britische Regierung unter Premierminister C. Attlee (Labour Party) seit Oktober 1946 auch zur Aufgabe Palästinas; im Februar 1947 überantwortete diese das Palästinaproblem der UNO. Am 29. 11. 1947 stimmte deren Generalversammlung mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit (auch mit den Stimmen der USA und der UdSSR) für die Teilung des Mandatsgebietes, auf dem ein jüdischer (14 000 km²) und ein palästinensisch-arabischer Staat (11 000 km²) entstehen sollten. Für Jerusalem sah der UNO-Teilungsplan einen internationalen Sonderstatus vor. Die zionistische Organisation stimmte dem Plan zu, die arabischen Staaten lehnten ihn ab. Danach brachen Kampfhandlungen zwischen den jüdisch-zionistischen und den palästinensisch-arabischen Kräften aus. Beim Abzug der britischen Truppen am 14. 5. 1948 rief D. Ben Gurion den unabhängigen jüdischen Staat Israel aus, woraufhin sofort die Streitkräfte Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, Iraks und Libanons in Palästina einrückten.
 
Verlauf seit 1948:
 
Im Palästinakrieg (1. israelisch-arabischer Krieg, aus israelischer Sicht Unabhängigkeitskrieg; 15. 5. 1948-15. 1. 1949) schuf sich der neue Staat Israel ein Staatsgebiet, das mit 20 700 km2 über das den Juden im UNO-Teilungsplan vom 29. 11. 1947 zugedachte Gebiet hinausging und auch den westlichen Teil Jerusalems einschloss. Der den palästinensischen Arabern verbliebene Teil des Westjordanlandes (einschließlich Ost-Jerusalems) wurde von Transjordanien annektiert, das sich danach in Jordanien umbenannte; der v. a. von ägyptischen Truppen behauptete »Streifen« um die Stadt Gaza im Süden des früheren Mandatsgebietes wurde fortan von Ägypten verwaltet. Zwischen 500 000 und 900 000 Palästinenser flohen oder wurden vertrieben. Sie fanden v. a. in Jordanien und im Gazastreifen Zuflucht, aber auch in Libanon und Syrien und wurden in großen Lagern untergebracht.
 
Seit 1949/50 lösten militärische Operationen palästinensisch-arabischer Untergrundkämpfer (»Fedajin«) gegen Israel dessen Vergeltungsschläge gegen ihre Stützpunkte im Gazastreifen und im Westjordanland aus; aus Gründen der »nationalen Sicherheit« wurde der v. a. im Norden Israels verbliebene Teil der arabischen Bevölkerung einer Militärregierung unterstellt. Die Nachbarländer Ägypten und Jordanien suchten die Initiative im Nahostkonflikt nicht an die Fedajin zu verlieren. Als der ägyptische Präsident G. Abd el-Nasser die wichtige Meerenge von Tiran im Golf von Akaba für israelische Schiffe sperrte, unternahm Israel einen militärischen Präventivschlag gegen Ägypten. Im engen militärischen Zusammenspiel mit Großbritannien und Frankreich, die damit die Verstaatlichung des Suezkanals durch Ägypten vom 26. 7. 1956 rückgängig machen wollten, besetzten israelische Truppen im Suezkrieg (2. israelisch-arabischer Krieg, 29. 10.-8. 11. 1956) die Sinaihalbinsel (deshalb auch Sinaifeldzug genannt) und den Gazastreifen. Unter dem Druck der USA und der UdSSR sahen sich Frankreich und Großbritannien zum Rückzug vom Suezkanal, Israel vom Gazastreifen und von der Sinaihalbinsel gezwungen. Die UNO entsandte eine Friedenstruppe an die israelisch-ägyptische Grenze. Mit der Gründung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO; 28. 5./1. 6. 1964) suchte Nasser die palästinensisch-arabische Nationalbewegung politisch-militärisch zu kontrollieren. Gedrängt durch die palästinensisch-arabische Bevölkerung seines Landes, vereinbarte König Husain II. von Jordanien mit Präsident Nasser ein gemeinsames militärisches Oberkommando. Im Mai 1967 setzte Nasser den Abzug der UNO-Friedenstruppe durch und sperrte bei Elat erneut die Meerenge von Tiran für israelische Schiffe.
 
Im Sechstagekrieg (3. israelisch-arabischer Krieg, 5.-10. 6. 1967) führte Israel erneut einen Präventivkrieg gegen Ägypten, zugleich auch gegen Jordanien und Syrien. Es eroberte das Westjordanland (einschließlich Ost-Jerusalems), die Sinaihalbinsel, den Gazastreifen und die syrischen Golanhöhen und war nicht bereit, der Rückzugsaufforderung der UNO (Resolution 242 vom 22. 11. 1967) nachzukommen.
 
Ziel der PLO war es in ihrer am 17. 7. 1968 beschlossenen »Nationalcharta«, den Staat Israel zu beseitigen und alle nach 1920 nach Palästina eingewanderten Juden wieder zu vertreiben, um einen überwiegend arabischen Staat Palästina zu gründen. Durch Terroraktionen - von Jordanien und Libanon aus - gegen Ziele in Israel und jüdische Einrichtungen außerhalb Israels suchte die PLO diesen Zielen näher zu kommen. Als Jordaniens König Husain II. 1970 fürchtete, dass sein internationales Ansehen wie auch die Stabilität seines Landes durch die Aktionen der PLO und ihrer militanten Mitgliedsorganisationen in Mitleidenschaft gezogen würden, ging er militärisch gegen sie vor und vertrieb im »Schwarzen September« Tausende von ihnen nach Libanon, wo sie in großen Lagern einen Staat im Staat bildeten.
 
Ein von Ägypten 1969 ausgelöster »Abnutzungskrieg« gegen Israel am Suezkanal scheiterte 1970 trotz massiver sowjetischer Militärhilfe. Im Jom-Kippur- (Oktober-) beziehungsweise 4. israelisch-arabischen Krieg (6.-22./25. 10. 1973), von Ägypten und Syrien gegen Israel begonnen, erlitt Israel zunächst schwere Verluste; im Laufe des Krieges gelang es jedoch den israelischen Truppen, zum Teil bis über den Suezkanal vorzudringen und weitere Teile der Golanhöhen zu erobern. Auf Initiative v. a. des amerikanischen Außenministers H. Kissinger kam es 1974/75 zu einem israelisch-arabischen Truppenentflechtungsabkommen; der seit 1967 gesperrte Suezkanal wurde am 5. 6. 1975 wieder geöffnet.
 
Zu einer partiellen Wende im arabisch-israelischen Verhältnis kam es erst durch die Initiative des ägyptischen Präsidenten A. as-Sadat. Am 19./20. 11. 1977 besuchte er den israelischen Ministerpräsidenten M. Begin in Jerusalem und sprach vor der Knesset. Beide schlossen unter Vermittlung des amerikanischen Präsidenten J. Carter das ägyptisch-israelische Abkommen von Camp David (17. 9. 1978) sowie den ägyptisch-israelischen Separatfriedensvertrag (26. 3. 1979; u. a. bis April 1982 Räumung der Sinaihalbinsel durch Israel) und erhielten dafür den Friedensnobelpreis. Der Preis für Sadat war indessen sehr hoch: Ägypten wurde über Jahre hinweg innerhalb der arabischen Welt isoliert; der Präsident wurde am 7. 10. 1981 ermordet. Abgelehnt wurde von Israel jedoch der von der PLO und der EG unterstützte »Fahd-Plan« des damaligen saudischen Kronprinzen (August 1981; u. a. Anerkennung Israels durch die arabischen Staaten, Auflösung aller israelischen Siedlungen im Westjordanland und im Gazastreifen, Gründung eines Palästinenserstaates mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem). In Reaktion auf zahlreiche Überfälle palästinensisch-arabischer Gruppen von Stützpunkten im Libanon auf Siedlungen in Nordisrael marschierten israelische Truppen im Juni 1982 in Libanon ein (Libanonfeldzug beziehungsweise 5. israelisch-arabischer Krieg) und zwangen die PLO, mit ihren Militäreinheiten Libanon zu verlassen. Diese verlegte daraufhin ihr Hauptquartier nach Tunis. Januar bis Juni 1985 musste Israel nach dem Abzug italienischer, britischer, amerikanischer und französischer Kontingente aus Beirut Libanon (bis auf Teile im Süden; bis 2000) ebenfalls räumen. Am 9. 12. 1987 brach im Gazastreifen und im Westjordanland ein Aufstand (v. a. jugendlicher) Palästinenser (Intifada) aus (bis 1990 etwa 700 Tote).
 
Nachdem Jordanien am 31. 7. 1988 zugunsten der PLO auf das Westjordanland verzichtet hatte, rief die PLO in Algier einen unabhängigen Palästinenserstaat aus. Da sie zugleich die UN-Resolutionen 242 und 338 anerkannte, implizierte dies die Anerkennung des Staates Israel. Folglich bezog sich die Staatsausrufung nur auf die von Israel besetzten Gebiete und Ost-Jerusalem, wo die künftige Hauptstadt errichtet werden sollte (Präsident: J. Arafat; 15. 11. 1988). Trotz dieser Einschränkung kam es zu keiner internationalen Anerkennung Palästinas.
 
 Innerisraelische und innerpalästinensische Problematik (bis 1992/93)
 
In der innerisraelischen Auseinandersetzung propagierten die Verfechter einer harten Linie gegenüber der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung (»Falken«) die Errichtung eines Palästinenserstaates im Gebiet des Königreichs Jordanien, das bis 1921 ohnehin faktisch Teil Palästinas gewesen war und aus demographischer Sicht einen starken palästinensisch-arabischen Charakter hat. Eine Minderheit, die den Forderungen der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung entgegenkam (»Tauben«), befürwortete die Rückgabe des Westjordanlandes und des Gazastreifens an Jordanien (nach der Maßgabe »Land für Frieden«). Mit dem Libanonkrieg 1982 nahm der innerisraelische Konflikt zwischen »Falken« und »Tauben« ständig zu; es entstand die »Peace-now«-(»Frieden-jetzt«-)Bewegung. Einer internen Selbstverwaltung der Araber (unter israelischer Oberhoheit) hätte bis 1992 nur etwa die Hälfte aller Israelis zugestimmt. Unter dem Eindruck der ersten Intifada radikalisierte sich Ende der 1980er-Jahre die Haltung zahlreicher Israelis gegenüber den Palästinensern: Diejenigen Juden, die aus religiösen Gründen, denen zufolge die im Westjordanland gelegenen biblischen Landschaften »Judäa« und »Samaria« endgültig zu Israel gehören sollten, wie auch diejenigen, die aus strategischen Gründen die »natürliche« Grenze am Jordan halten wollten, traten verstärkt für eine Zwangsumsiedlung der palästinensischen Araber aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen in die arabischen Staaten ein. Auch im israelischen Kernland stellte sich jedoch die binationale Problematik des Nahostkonflikts, da hier über 800 000 Araber leben, die zwar die Staatsbürgerschaft besitzen und auch Vertreter eigener Parteien in die Knesset entsenden, aber v. a. hinsichtlich des Personenstands- und Eigentumsrechts Bürger zweiter Klasse sind. Würden sie zu gleichberechtigten Staatsbürgern, so stellte dies den jüdischen Charakter Israels, der auch nach gemäßigter zionistischer Auffassung bewahrt werden muss, zumindest langfristig in Frage. Dies ist auch der Hauptgrund dafür, dass Israel die palästinensische Forderung nach einem Rückkehrrecht der Flüchtlinge immer wieder abweist, während es seit 1950 ein für Juden in aller Welt geltendes »Gesetz der Rückkehr« gibt, das sie automatisch bei der Einwanderung einbürgert. Die israelische Linke tritt für die vollen Rechte der Araber ein, während die konservativen und religiösen Parteien dies entschieden ablehnen.
 
Die palästinensisch-arabische Nationalbewegung verfolgte zunächst zwei verschiedene Ziele: zum einen die Verwirklichung des palästinensischen Selbstbestimmungsrechts im Rahmen eines gesamtarabischen Staates, der »arabischen Nation«, zum anderen die Schaffung eines selbstständigen palästinensischen Staates. Nach dem Scheitern der panarabischen Pläne Nassers gewann v. a. für die PLO unter Führung Arafats die Schaffung eines eigenen Staates eindeutig Vorrang. Da nicht alle Mitgliedsorganisationen der politisch vielschichtigen PLO mit der Linie der PLO-Führung einverstanden waren, kam es immer wieder zu starken Spannungen und Abspaltungen. Die auf viele Resolutionen der UNO - v. a. die Resolutionen des Sicherheitsrates vom 22. 11. 1967 (Nummer 242) und vom 23. 10. 1973 (Nummer 338) sowie der Generalversammlung vom 10. 11. 1975 (Nummer 3379: Verurteilung des Zionismus als einer Form des Rassismus; Dezember 1991 annulliert) - gestützten Versuche, einem Staat der Palästinenser völkerrechtlich den Weg zu ebnen, scheiterten ebenso wie die im Camp-David-Abkommen (1978) in Aussicht genommene Autonomie für die palästinensischen Araber im Westjordanland und im Gazastreifen (Verhandlungen im April 1980 abgebrochen). Die nach 1967 von jüdischen Siedlern begonnene forcierte Landnahme in diesen Gebieten (Beginn in Hebron/Kiryat Arba) wurde von der neuen israelischen Regierung unter Begin (Likud) mit ihrem Amtsantritt (1977) zur offiziellen Siedlungspolitik. Diese erhöhte die Furcht der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung, die Gebiete könnten ihre Funktion als Basis eines palästinensischen Staates verlieren. Die Weigerung Israels, einen autonomen oder gar unabhängigen Palästinenserstaat zu akzeptieren (Regierungspolitik bis 1992/93) sowie die israelische Siedlungs- und Besatzungspolitik im Westjordanland und im Gazastreifen lösten den Widerstand der ersten Intifada aus (1987), mit dem die Menschen zunächst im Gazastreifen, danach auch im Westjordanland die Besatzung »abschütteln« (so die deutsche Übersetzung für Intifada) wollten. Getragen wurde dieser Kampf von aus den Muslimbruderschaften in den besetzten Gebieten hervorgegangenen Bewegungen, insbesondere Djihad Islami und Hamas, die damit zugleich in einen innerpalästinensischen Machtkampf mit der hauptsächlich von Tunis aus operierenden PLO gerieten.
 
 Weltpolitische und arabische Aspekte
 
Bereits der seit dem Ersten Weltkrieg (1914-18) erfolgte Vorstoß Großbritanniens in die Region des Nahen Ostens diente der strategisch-geographischen Absicherung des britischen Kolonialreiches in Indien sowie der militärisch und wirtschaftlich bedeutsamen Erdölzufuhr. Sowohl der Zionismus als auch die palästinensische Nationalbewegung wurden von der britischen Kolonialmacht im Nahen Osten zur Stärkung ihrer Interessen in diesem Raum benutzt. Auch im Zweiten Weltkrieg kam der Region (z. B. beim Kampf gegen das deutsche Afrikakorps) eine strategische Schlüsselfunktion zu; dabei war das Wohlwollen der arabischen Welt maßgeblich, die zionistischen Ziele wurden als Störfaktor betrachtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-45) wurde der Nahostkonflikt vom Ost-West-Konflikt überlagert. Die zunehmende Bindung Israels an die USA, in denen mehr Juden als in Israel wohnen und die 1968 Frankreich als Hauptwaffenlieferant Israels ablösten, gipfelte 1981 im Abschluss eines Abkommens über strategische Zusammenarbeit, während die UdSSR - v. a. zwischen 1955 und dem Ende des Ost-West-Konflikts - die palästinensisch-arabische Nationalbewegung unterstützte (u. a. ab 1969 Waffenlieferungen an die PLO). Nach der Bandungkonferenz (1955) gewann die palästinensisch-arabische Nationalbewegung, v. a. mithilfe des ägyptischen Präsidenten Nasser, unter den blockfreien Staaten der Dritten Welt zunehmend an Unterstützung. In den 1990er-Jahren trat der Nahostkonflikt zunächst in den Schatten innerarabischer Konflikte und der Konfrontationen der arabischen mit der westlichen Welt.
 
Die Frage der Errichtung eines Palästinenserstaates spielte in der Gesamtpolitik der arabischen Staaten - im Widerstreit panarabischer Ideen und eigenstaatlicher Interessenpolitik - eine unterschiedliche Rolle. Die Mehrheit der heutigen Bevölkerung Jordaniens ist palästinensisch-arabischer Herkunft, steht dem haschimitischen Königshaus (weitgehend) ablehnend gegenüber und betrachtet - zumindest in ihren radikal-nationalistischen Teilen - Jordanien als einen Teil des Palästinenserstaates. In Jordanien (1967-70) und in Libanon (1967-82) entwickelten sich die von der PLO geführten Palästinenser zu einem Staat im Staate. Mit den von den Territorien dieser Länder aus gelenkten Terroraktionen gegen die israelische Bevölkerung zog die PLO diese Staaten in ihre Konfrontation mit Israel hinein; sie hatten dort antipalästinensische Aktionen zur Folge.
 
Für Syrien, das - aus historischer Sicht - Anspruch auf Libanon erhob, blieb der Nahostkonflikt seiner nationalen Interessenpolitik untergeordnet; so bemühte sich die syrische Führung in ihrem Kampf gegen Israel, mit der Durchsetzung eines palästinensisch-arabischen Staates zugleich eine Zusammenarbeit zwischen Israel und den auf die Unabhängigkeit Libanons bedachten libanesischen Christen zu verhindern. Mithilfe seiner Palästinapolitik versuchte auch Irak - z. B. neben Ägypten und Syrien - innerarabische Führungsansprüche durchzusetzen. Infolge des 2. Golfkriegs, in dem es zu einer Koalition der meisten arabischen Länder mit den USA gegen Irak kam (von den Nachbarn hielt sich nur Jordanien aufgrund seiner Abhängigkeit vom irakischen Öl neutral), veränderte sich die arabisch-palästinensische Konstellation insofern, als Arafat sich auf die Seite Saddam Husains gestellt hatte. Der PLO wurden daraufhin die Zuwendungen von den arabischen Staaten gestrichen, was sie an den Rand des finanziellen Bankrotts führte und politisch schwächte.
 
Die Palästinenserfrage diente so den arabischen Staaten zur innerstaatlichen und innerarabischen Profilierung; jeder arabische Staat musste seine Innen-, Arabien- und Israelpolitik aufeinander abstimmen. Islamistische Organisationen wie Hamas und Djihad Islami, die neben terroristischen Aktionen auch Sozialarbeit betreiben, nutzten die Krisen, um besonders jugendliche Palästinenser zu rekrutieren.
 
 Der Friedensprozess (1991/93-2000)
 
Nach dem 2. Golfkrieg (1991) und der Schwächung der PLO verstärkten sich die v. a. von den USA und der UdSSR seit 1989 forcierten Bemühungen um eine Lösung des Nahostkonflikts. Kernproblem der am 30. 10. 1991 unter dem Vorsitz der USA (Präsident G. Bush) und der Sowjetunion (Präsident M. S. Gorbatschow) eingeleiteten Madrider Nahostfriedenskonferenz wurde der Ausgleich zwischen Israel und Palästinensern/PLO; erstmals waren damit direkte Gespräche zwischen Israel und arabischen Staaten sowie Vertretern der Palästinenser/PLO begonnen worden. Möglich geworden waren sie auch durch die rasche Zustimmung Syriens zu der Formel »Land gegen Frieden«. Ab November 1991 kam es in Madrid auch zu bilateralen Verhandlungsrunden, die von Dezember 1991 bis September 1993 in Washington fortgesetzt wurden. Daneben begannen multinationale Nahostkonferenzen zu Sachthemen (u. a. zu den Wasserressourcen der Region). Israel forderte die endgültige Anerkennung seiner Existenz in einem umfassenden Friedensvertrag mit den arabischen Staaten und strebte dabei vorrangig eine Vereinbarung über den Status der besetzten Gebiete (Gazastreifen, Westjordanland) an. Die von Juli 1992 bis 1996 amtierende Koalitionsregierung unter I. Rabin beziehungsweise - nach dessen Ermordung 1995 - S. Peres, beide Israelische Arbeitspartei, versprach zwar, die staatlichen Siedlungsprogramme zu stoppen und private zu unterbinden, de facto änderte sich die Besiedlungspolitik in den besetzten Gebieten jedoch nicht. Eine wichtige Voraussetzung für die Geheimverhandlungen unter norwegischer Vermittlung in Oslo war, dass in der Knesset das Kontaktverbot israelischer Bürger v. a. mit der PLO aufgehoben wurde (19. 1. 1993).
 
Die Verhandlungen führten im August 1993 zur Annäherung zwischen Israel und der PLO, am 9./10. 9. 1993 zur gegenseitigen Anerkennung. Mit dem erklärten Ziel, den Palästinensern stufenweise Selbstverwaltung in den besetzten Gebieten zu gewähren, unterzeichneten beide Seiten am 13. 9. 1993 in Washington eine Rahmenvereinbarung (Prinzipienerklärung). Dieser am Rahmenabkommen von Camp David (1978) orientierte Grundlagenvertrag (Gaza-Jericho-Abkommen, mit dem »Kairoer Abkommen« vom 4. 5. 1994 als dem Konkretisierungsabkommen; auch »Oslo I« genannt) führte, ergänzt durch das Autonomieteilabkommen vom August 1995 sowie das erweiterte Autonomie- beziehungsweise Interimsabkommen für das Westjordanland vom 28. 9. 1995 (auch »Oslo II« genannt), ab 1994 zur (Teil-)Autonomie im Gazastreifen und Jericho, 1995 im Westjordanland. Mit den Abkommen legten Israel und die PLO den (als vorläufig aufgefassten) territorialen Umfang und den stufenweisen Rückzug der israelischen Streitkräfte aus diesen Gebieten fest, der ursprünglich 1999 mit einer Vereinbarung über den »Endstatus« abgeschlossen werden sollte.
 
Weiteres Ziel der Regierung Rabin waren umfassende Friedensregelungen mit Syrien und Jordanien. Im Juli 1994 begannen auf der Waffenstillstandslinie von 1948 israelisch-jordanische Friedensverhandlungen. Mit der »Erklärung von Washington« (25. 7. 1994) beendeten Israel und Jordanien den seit 1948 bestehenden Kriegszustand, unterzeichneten am 17. 10. 1994 ein Abkommen über Grenz- und Wassernutzungsfragen und schlossen am 26. 10. 1994 einen Friedensvertrag. Im Spannungsbogen zwischen israelischer Sicherheitspolitik und syrischem Souveränitätsanspruch blieb die Frage der Kontrolle über die Golanhöhen Kernpunkt der immer wieder für längere Zeit unterbrochenen israelisch-syrischen Verhandlungen.
 
Nachdem der israelische Ministerpräsident Rabin am 4. 11. 1995 nach einer Friedenskundgebung von einem jüdischen Fundamentalisten ermordet worden war, setzte sein Nachfolger Peres den Friedensprozess zunächst fort (u. a. Rückzug der israelischen Truppen aus großen Orten des Westjordanlands gemäß den Autonomieverträgen im Dezember 1995; Wahlen zum palästinensischen Autonomierat am 20. 1. 1996, Änderung der PLO-Charta vom 25. 4. 1996). Unter der von B. Netanjahu (Likud-Block) im Juni 1996 in Israel gebildeten rechten Koalitionsregierung kam er aber 1996-99, v. a. durch den wieder verstärkten Ausbau bestehender Siedlungen wie insbesondere Har Homa im von Palästinensern bewohnten Teil Jerusalems sowie durch palästinensische Selbstmordattentate nahezu zum Stillstand (Ausnahme: Am 17. 1. 1997 wurde das Hebronabkommen unterzeichnet, das einen teilweisen Abzug aus dieser Stadt vorsah, jedoch einer kleinen Zahl von Israelis dort das Bleiberecht unter starkem militärischen Schutz weiterhin gewährt). Immer wieder versuchte Netanjahu auch, die israelisch-palästinensischen Verträge zu modifizieren. Am 28. 10 1998 konnte ein Tiefpunkt im Friedensprozess durch das von der US-Regierung vermittelte erste Wye-Abkommen überwunden werden, in dem Israel sich zu einem weiteren Truppenabzug und zur Übergabe von Land an die Palästinenser verpflichtete. Es wurde jedoch unter Netanjahu nicht verwirklicht. Nach dem Regierungswechsel zu E. Barak (Arbeitspartei; 17. 5. 1999) kam es zu neuen Verhandlungen, die Anfang September 1999 zu einem Umsetzungsabkommen (»Wye II«) führten.
 
Am 7. 7. 1998 hatte die UN-Vollversammlung mit 124 : 4 Stimmen den offiziell noch nicht existierenden Staat Palästina als nicht stimmberechtigtes Mitglied aufgenommen. Den Interimsverträgen zufolge hätte der Staat Palästina am 4. 5. 1999 ausgerufen werden sollen. Dies war mit Rücksicht auf den zu dieser Zeit laufenden israelischen Wahlkampf unterblieben. Im Zuge der Wye-II-Vereinbarungen setzte dann die PLO die Proklamierung eines palästinensischen Staates bis zum 13. 9. 2000 aus. Die bis dahin vorgesehenen Endstatusverhandlungen verliefen schleppend. Daraufhin versuchte US-Präsident B. Clinton vom 11.-25. 7. 2000 auf dem Nahostgipfel in Camp David zwischen Barak und Arafat zu vermitteln. Es wurde über eine umfassende Lösung des Nahostkonflikts gerungen. Hauptthemen der Verhandlungen waren neben der Absicherung einer palästinensischen Staatlichkeit, einschließlich der Grenzfestlegung, v. a. die Frage des Rückkehrrechts der Flüchtlinge von 1948/49 sowie der Zukunft der 140 000 bis 200 000 israelischen Siedler im Gazastreifen und im Westjordanland als den palästinensischen Kernproblemen. Bei den geheimen Verhandlungen soll Barak den Palästinensern die Rückgabe von 90 bis 95 % des Westjordanlandes angeboten haben. Allerdings wäre dieses weiterhin durch israelische Siedlungsgebiete und Straßen stark zergliedert gewesen und hätte keinen Zugang zum Jordanufer gehabt. Dies lehnte Arafat ab, zumal Barak in der Frage des Rückkehrrechtes nur zu humanitären Regelungen bereit war. Als ein weiteres Schlüsselproblem erwies sich auf der Gipfelkonferenz von Camp David aber erneut die Frage des Status von Jerusalem (Anspruch beider Seiten auf Jerusalem als Hauptstadt). Die Verhandlungen scheiterten. Doch Barak hätte zu diesem Zeitpunkt auch ein für ihn oder seine Arbeitspartei tragbares Ergebnis innenpolitisch nicht mehr durchsetzen können, da er unmittelbar vor der Reise in die USA in der Knesset die Mehrheit verloren hatte.
 
Zu den Zielen der Regierung Barak gehörte auch der Ausgleich mit Libanon und Syrien (Golanhöhen). Während der vollständige Abzug der israelischen Truppen aus Südlibanon aus der ehemaligen Sicherheitszone ohne Friedensabkommen wenige Wochen vor dem angekündigten Datum im Mai 2000 erfolgte, waren die im Dezember 1999 aufgenommenen Verhandlungen zu einem Friedensvertrag mit Syrien schon Anfang Januar 2000 wieder abgebrochen worden, weil Israel den von Syrien als Vorbedingung geforderten vollständigen Rückzug von den Golanhöhen weiter strikt ablehnte.
 
 Die Al-Aksa-Intifada und das Fehlschlagen der »Osloer Vereinbarungen«
 
Ende September 2000 suchte der israelische Oppositionsführer A. Scharon (Likud) in Begleitung von 1 000 Polizisten den Tempelberg in Jerusalem auf, eine Handlung, die von palästinensischer Seite als Provokation empfunden wurde. Dies löste neue blutige Unruhen aus, die von den Palästinensern als »zweite« beziehungsweise »Al-Aksa-Intifada« bezeichnet werden. Dieser Aufstand führte zu einer neuerlichen antiisraelischen Feindschaft im arabischen Lager. Die Verhandlungen wurden ausgesetzt, zumal sich eine unter Vermittlung Clintons beim Krisengipfel in Scharm esch-Scheich (17. 10. 2000) vereinbarte Waffenruhe als nicht realisierbar und damit als folgenlos erwies. In der erneuten Eskalation äußerte sich auch die Enttäuschung vieler Palästinenser über die immer wieder ausbleibende Endstatusregelung und die aus ihrer Sicht zu mageren Ergebnisse des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses seit 1993. Vor diesem Hintergrund erklärte Barak am 10. 12. 2000 seinen Rücktritt, kündigte aber zugleich für die dadurch notwendig gewordene Neuwahl (6. 2. 2001) seine Kandidatur an. In der Zwischenzeit versuchte seine Regierung in der zweiten Januarhälfte 2001 in Taba noch einmal mit Arafat zu einem Einvernehmen über einen Endstatus zu gelangen. Dort sei man sich inhaltlich so nahe gekommen wie noch nie, hieß es, als die Verhandlungen kurz vor dem Wahltag unterbrochen wurden. Doch Barak verlor die Wahl dramatisch und das Amt des Regierungschefs an seinen Gegenkandidaten, den Likud-Führer Scharon.
 
Seit dessen Wahl zum israelischen Ministerpräsidenten am 7. 3. 2001 verschärfte sich der Konflikt weiter. Scharons aus sieben Parteien bestehende Regierung der »nationalen Eintracht« erklärte, nur noch Übergangslösungen, aber nicht mehr ein Abkommen über den Endstatus der Autonomiegebiete mit den Palästinensern verhandeln zu wollen; dabei wird die Sicherheit Israels als vorrangig betrachtet. Die von den Palästinensern immer wieder geforderte Postierung internationaler Truppen entlang der israelisch-palästinensischen Grenzlinien lehnte sie strikt ab, insbesondere wenn es sich dabei um UN-Truppen handeln sollte. Ende März 2001 begann Israel mit präzisen Angriffen gegen Einrichtungen der palästinensischen Autonomiebehörde (v. a. Polizeistationen) sowie wenige Tage später mit »präventiven Liquidierungen« von mutmaßlichen palästinensischen Terroristen. Ab Mai 2001 kam es zu mehreren spektakulären Selbstmordattentaten im israelischen Kernland, bei denen zahlreiche Menschen getötet und Hunderte verletzt wurden. Am 5. 5. 2001 legte eine auf dem Gipfeltreffen in Scharm esch-Scheich im Oktober 2000 vereinbarte Kommission unter Leitung des ehemaligen US-Senators George Mitchell den »Mitchell-Bericht« über die Ursachen der palästinensischen Unruhen vor, der die außerordentliche Gewaltanwendung beider Seiten für die schleichende Eskalation des Konflikts verantwortlich machte. Der Bericht empfahl einen Dreistufenplan zur Beendigung des Nahostkonflikts (Waffenruhe, Periode vertrauensbildender Maßnahmen, Beginn politischer Verhandlungen). Die Umsetzung erweist sich trotz prinzipieller Zustimmung beider Seiten und Vereinbarung einer von den USA vermittelten Waffenruhe (Anfang Juni 2001) insofern als schwierig, als die israelische Regierung darauf besteht, dass es von palästinensischer Seite zu mindestens sieben Tagen der Waffenruhe kommt, ehe sie zu vertrauensbildenden Maßnahmen bereit ist. Dadurch verzögert jeder einzelne Gewaltakt von palästinensischen Kräften, die zu Arafat in Opposition stehen, den Fortschritt. Beide Seiten nennen ihre Beziehung inzwischen Krieg. Den von den Palästinensern als »vertrauensbildende Maßnahme« geforderten umfassenden Siedlungsstopp in den palästinensischen Autonomiegebieten lehnt die Regierung unter Scharon trotz Drucks der USA (bisher) strikt ab und ist lediglich zu Einschränkungen bereit, während die Palästinenser gerade mit der Intifada die israelischen Siedler als »Besetzer« bekämpfen.
 
Nach den Terroranschlägen vom 11. 9. 2001 auf Ziele in den USA versuchte die dortige Regierung unter G. W. Bush eine internationale Koalition gegen den Terror zu schließen. Um sich hierbei auch der arabischen und islamischen Staaten zu versichern, bemühte sich die US-Regierung, den Friedensprozess im Nahen Osten neu zu beleben. Es kam trotz heftigem Widerstand Scharons zu einem Treffen zwischen seinem Außenminister Peres und Palästinenserpräsident Arafat, das aber ohne Ergebnisse blieb. Am 3. 10. 2001 sprach Präsident Bush erstmals von der Vision eines Staates Palästina. Das Existenzrecht Israels müsse aber respektiert bleiben. Die Hoffnungen auf ein Ende der Gewalt schwanden, als am 17. 10. 2001 der israelische Tourismusminister R. Zeevi ermordet wurde. Die PFLP bezichtigte sich der Tat. Scharon forderte Arafat ultimativ auf, die Mörder und ihre Hintermänner auszuliefern, und als dies nicht geschah, dehnte Israel seine Militäraktionen aus und umzingelte alle Städte im Westjordanland beziehungsweise drang zeitweilig mit Panzern in sie ein. Am 13. 12. 2001 erklärte Scharon Arafat für »nicht mehr relevant« und ließ seine Residenz umstellen. Er verhängte über ihn Hausarrest, bis die Mörder Zeevis überstellt seien.
 
Am 4. 1. 2002 brachte die israelische Marine im Roten Meer ein Schiff mit 50 t Kriegsmaterial auf, die für die palästinensische Autonomiebehörde bestimmt sein und aus Iran stammen sollen. Ein Anschlag der Hamas beendete am 9. 1. die relative Waffenruhe. Israel reagierte zwei Tage später mit der Zerstörung der Landebahn des Flughafens von Gaza und am 19. 1. mit der Sprengung des Radiosenders »Stimme Palästinas«. Die EU protestierte am 28. 1. offiziell gegen die Zerstörung von mit EU-Geldern finanzierten Projekten und bekräftigte, dass Arafat ihr Ansprechpartner bleibe. Am 31. 1. bedauerte Scharon öffentlich, während des Libanonkrieges 1982 Arafat »nicht eliminiert« zu haben. Am 21. 2. wurden die mutmaßlichen Mörder Zeevis von palästinensischen Sicherheitskräften verhaftet. Am 25. 2. schlug der saudische Kronprinz Abdallah einen Friedensplan vor, dem zufolge Israel sich hinter die Grenzen von 1967 zurückziehen und im Gegenzug von den arabischen Ländern diplomatisch anerkannt werden und Sicherheitsgarantien erhalten soll. Im März akzeptierte die Arabische Liga diesen Plan, der in Teilen der israelischen Regierung auf ein positives Echo stieß, aber letztlich an Scharon scheiterte. Ab April 2002 kam es zu einer gemeinsamen Vermittlungsinitiative der USA, Russlands, der EU und der UNO mit dem Ziel der Einberufung einer internationalen Nahostkonferenz. Während die palästinensische Autonomiebehörde sich bedingungslos zu diesen Verhandlungen bereit erklärt hat, machte die israelische Regierung ihre Zustimmung von einem entschiedeneren Vorgehen Arafats gegen die Terroristen abhängig. Nachdem dieses bis Mitte Juni nicht geschah, sondern es zu einer Reihe besonders schwerer Selbstmordanschläge kam, erklärte US-Präsident Bush am 24. 6., seine Regierung sei zur Anerkennung und Unterstützung eines »vorläufigen« Palästinenserstaates bereit, wenn die Gewalt beendet würde und es noch in diesem Jahr zu politischen und personellen Veränderungen in der Autonomiebehörde käme, was ein deutliches Zeichen dafür war, dass er Arafat fallen gelassen hat. Diese Haltung wurde wenige Tage später auf dem G-8-Gipfel in Kananaskis (Kanada) von den dort anwesenden Staats- und Regierungschefs unterstützt.
 
Durch Scharons hartes Vorgehen gegen die palästinensische Autonomiebehörde und insbesondere ihren Präsidenten Arafat, gegen den der Hausarrest erst am 11. 3. 2002teilweise und Anfang April ganz aufgehoben wurde, kam es im Frühjahr 2002 zur weiteren Verhärtung des Konflikts. Er war auf palästinensischer Seite durch eine ganze Serie von Selbstmordattentaten gekennzeichnet, an denen sich in zunehmender Zahl auch Kämpfer der Arafats Fatah nahe stehenden Al-Aksa-Brigaden beteiligten. Auf israelischer Seite wurden die Militäraktionen fortgesetzt, wobei ab dem 12. 3. 2002 fast alle großen Städte in den Autonomiegebieten über Wochen hinweg besetzt und nach mutmaßlichen Terroristen durchsucht wurden. Da mehrere Selbstmordattentäter aus dem Flüchtlingslager von Jenin stammten, wurde der dortige palästinensische »Widerstand« brutal zerschlagen. Der Vorwurf der Palästinenser, von israelischer Seite sei dabei ein Massaker verübt worden, konnte nicht überprüft werden, da eine von der UNO zunächst mit israelischer Zustimmung eingesetzte Untersuchungskommission unter Leitung des ehemaligen finnischen Staatspräsidenten M. Ahtisaari von der israelischen Regierung nicht in das Lager hineingelassen wurde. Parallel zum Vorgehen gegen Widerstandskämpfer wurden aber auch die Autonomietrukturen zerstört. Scharon selbst bezeichnet die Militäraktionen gegen die Palästinenser als »Antiterrorkrieg« und versucht auf diese Weise eine Legitimierung durch die USA zu erhalten, die sich infolge der Terroranschläge vom 11. 9. 2001 in einem weltweiten »Antiterrorkrieg« sehen. Doch Präsident Bush spricht inzwischen offen von dem Ziel eines Palästinenserstaates. Dementsprechend stimmte am 13. 3. der amerikanische Delegierte im UN-Sicherheitsrat einer »historischen« Resolution zu, in der von der Vision »einer Region, in der zwei Staaten, Israel und Palästina, Seite an Seite in gesicherten und anerkannten Grenzen leben«, die Rede ist. Am 12. 5. 2002 wurde auf einem Parteitag des Likud Ministerpräsident Scharon von Anhängern Netanjahus überstimmt, der einen Antrag eingebracht hatte, dass es zu keiner Anerkennung Palästinas kommen dürfe. Um die israelische Grenze für Terroristen unüberwindbar zu machen, wurde Ende Mai 2002 damit begonnen, das Autonomiegebiet im Westjordanland mit einem elektronisch gesicherten Zaun zu umgeben, wie es ihn schon länger um den Gazastreifen gibt. Ende Juni ließ Verteidigungsminister Ben-Eliezer erstmals elf illegale Siedlungen räumen.
 
Das Scheitern des Friedensprozesses ab 2001 liegt zum einen an dem fehlenden Willen beider Seiten zu substanziellen Kompromissen in den Hauptstreitpunkten Siedlungsbeendigung, Rückkehrrecht von Flüchtlingen und Status von Jerusalem. Zum anderen macht eine persönliche Feindschaft zwischen Scharon und Arafat, die mindestens auf die Zeit des Libanonkrieges 1982 zurückgeht, eine Annäherung zwischen den Hauptbeteiligten offenbar unmöglich. Doch auch das Umfeld hatte sich im ersten Halbjahr 2001 verschlechtert, als parallel zum Regierungswechsel in Israel in den USA die Regierung von Clinton auf Bush überging und dieser fünf Monate lang darauf verzichtete, vermittelnd in den Konflikt einzugreifen. Die Europäische Union blieb jedoch trotz zahlreicher Anstrengungen von führenden Politikern wie J. Solana Madariaga oder dem deutschen Außenminister J. Fischer zu schwach, allein diese Rolle zu übernehmen. Vermittlungsbemühungen der USA wurden lange Zeit durch die verstärkte Eskalationsbereitschaft der Regierung Scharon noch stärker behindert als durch die Autonomiebehörde.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Ägypten · Araber · Israel (Staat) · Jordanien · Judentum · Libanon · Palästinenser · panarabische Bewegung · Syrien · Westjordanland
 
 
B. Rubin: The Arab states and the Palestine conflict (Syracuse, N. Y., 1981);
 M. Wolffsohn: Politik in Israel (1982);
 M. Wolffsohn: Israel. Gesch., Politik, Gesellschaft, Wirtschaft (51996);
 C. Bailey: Jordan's Palestinian challenge, 1948-1983. A political history (Boulder, Colo., 1984);
 
The Israel-Arab reader. A documentary history of the Middle East conflict, hg. v. W. Laqueur u. a. (New York 41984);
 
Documents on the Israeli-Palestinian conflict, 1967-1983, hg. v. J. Lukacs (Neuausg. Cambridge 1986);
 
The rise of Israel. A documentary record from the nineteenth century to 1948, hg. v. H. M. Sachar, 39 Bde. (New York 1987);
 M. Y. Muslih: The origins of Palestinian nationalism (ebd. 1988);
 F. Schreiber: Aufstand der Palästinenser - die Intifada (1990);
 F. Schreiber: u. M. Wolffsohn: Nahost. Gesch. u. Struktur des Konflikts (41996);
 B. Tibi: Konfliktregion Naher Osten. Regionale Eigendynamik u. Großmachtinteressen (21991);
 D. Peretz: Palestinians, refugees, and the Middle East peace process (Washington, D. C., 1993);
 A. Niemetz: Brennpunkt Nahost. Gesch. u. Hintergründe polit. u. religiöser Konfrontationen (Neuausg. 1993);
 H. Becker u. a.: Der schwierige Weg zum Frieden. Der israelisch-arabisch-palästinens. Konflikt (1994);
 
Moyen-Orient: Migrations, démocratisation, médiations, hg. v. R. Bocco u. a. (Paris 1994);
 M. Tessler: A history of the Israeli-Palestinian conflict (Bloomington, Ind., 1994);
 T. G. Fraser: The Arab-Israeli conflict (New York 1995);
 V. Kocher: Der neue Nahe Osten. Die arab. Welt im Friedensprozeß (Zürich 1996);
 W. G. Lerch: Brennpunkt Naher Osten. Der lange Weg zum Frieden (1996);
 
Fünfzig Jahre Israel. Vision u. Wirklichkeit, hg. v. H. Lichtenstein u. O. R. Romberg (1998);
 R. Bernstein: Der verborgene Frieden. Politik u. Religion im Nahen Osten (2000);
 Berthold Meyer: Aus der Traum? Das Scheitern des Nahost-Friedensprozesses u. seine innenpolit. Hintergründe (2001);
 L. Watzal: Feinde des Friedens. Der endlose Konflikt zw. Israel u. den Palästinensern (2001).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Israel: Der Staat Israel und der Nahostkonflikt
 

Universal-Lexikon. 2012.

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